Surrealismus in der bildenden Kunst: Für die Allgewalt des Traums


Surrealismus in der bildenden Kunst: Für die Allgewalt des Traums
Surrealismus in der bildenden Kunst: Für die Allgewalt des Traums
 
Während des Ersten Weltkriegs wurde in einem Kreis avantgardistischer Dichter in Paris ein Begriff geboren, der einer wichtigen Strömung der Literatur und der Kunst des 20. Jahrhunderts ihren Namen gab: der »Surrealismus«, die künstlerisch bedingte »Überwirklichkeit«, die den Alltag überschreitet, indem sie ihm Elemente des Wunderbaren, des Zufalls, der Halluzination einverleibt. Die Bezeichnung geht auf eine Wortfindung von Guillaume Apollinaire zurück, dessen turbulentes, burleskes Stück »Die Brüste des Teiresias« 1917 als »surrealistisches Drama« im Stil von Alfred Jarry, einem Vorläufer des absurden Theaters, aufgeführt wurde. In dem kleinen Literatenzirkel, den der Schriftsteller André Breton um sich geschart hatte, kristallisierte sich dann als Reaktion auf den anarchistischen Geist des Dadaismus eine neue Bedeutung heraus, die Breton 1924 in seinem ersten »Manifest des Surrealismus« erläuterte: Surrealismus sei »reiner, psychischer Automatismus, durch welchen man, sei es mündlich, sei es schriftlich, sei es auf jede andere Weise, den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Vernunft-Kontrolle und außerhalb aller ästhetischen oder ethischen Fragestellungen«.
 
Die jungen Dichter um die von Breton, Philippe Soupault und Louis Aragon gegründete Zeitschrift »Littérature« verfolgten damit einen neuen Kunstentwurf, der das Absurde, Irrationale, Unbewusste in die Lebenswirklichkeit einschloss. Die Welt der Träume, aber auch Wahnvorstellungen und Fantasien sollten akzeptiert und mit der Welt des Logischen und Rationalen zu einer neuen ganzheitlichen Erfahrung verbunden werden. Vorbilder waren Dichter wie Arthur Rimbaud, Stéphane Mallarmé, Gérard de Nerval, Novalis und Lautréamont, dessen berühmte Sentenz »schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch« zum Leitmotiv der Surrealisten wurde. Eine wichtige Rolle in dieser Gründungsphase spielten auch die Theorien des »Unbewussten« der Psychoanalytiker Sigmund Freud und Carl Gustav Jung.
 
Wie vor ihnen schon die englischen und deutschen Romantiker, glaubten die Surrealisten, dass sich die Wirklichkeit aus einem nicht-bewussten Bildervorrat speise, der individuelle und kollektive Zeichen und Symbole in einem nie auszuschöpfenden seelischen Reservoir berge. Zur Freisetzung dieses Bildervorrats entwickelten sie verschiedene Methoden und Techniken: Man schrieb und zeichnete in Trance und Hypnose, auch unter dem Einfluss von Drogen, und folgte den Eingebungen der »freien Assoziation«. Dem »automatischen Schreiben« verdankt sich die erste surrealistische Schöpfung, der 1919 von Breton und Soupault verfasste Text »Die magnetischen Felder«.
 
Obwohl es laut Bretons Manifest eine surrealistische Malerei eigentlich nicht geben konnte, wurden doch einige wichtige Maler in den inneren Kreis der Surrealisten aufgenommen. Von Anfang an zählte Breton Pablo Picasso zu den größten »Zauberern«, dessen nachkubistische Bilder dem Surrealismus tatsächlich nahe zu stehen scheinen. Noch wichtiger für die »Geschmacksbildung« Bretons und seiner Gruppe waren aber die frühen Werke von Giorgio De Chirico. In seiner »Pittura metafisica« hatte De Chirico traumhafte Welten mit klassischer Idealität kombiniert und damit jene Verbindung von Traum und Wirklichkeit sichtbar gemacht, die Breton beschwor. In seinem ersten Manifest nannte Breton auch Henri Matisse, André Derain, Georges Braque, Marcel Duchamp, Francis Picabia, Paul Klee, Man Ray und André Masson, von denen einige später wieder von der Liste der Auserwählten gestrichen und durch andere ersetzt wurden. Unerklärlich bleibt, warum Breton nie Henri Rousseau erwähnte, den großen »Naiven«, der mit übergenau gemalten, das Absurde streifenden Urwaldszenen die Fantasie von Picasso und Apollinaire so anregte. Auch die Vorgeschichte der »fantastischen Kunst«, zu der man Grünewald, Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel den Älteren, Goya, Giuseppe Arcimboldo, Jacques Callot, Gustave Doré, Gustav Klimt, Gustave Moreau, Arnold Böcklin, Odilon Redon und Alfred Kubin rechnen kann, nahm Breton nur ausschnitthaft wahr.
 
Einen wichtigen Beitrag zur frühen surrealistischen Kunst lieferte neben Duchamp vor allem Picabia, der mit seiner unbekümmerten Stilmischung bizarre und poetische Wirkungen erzielte. Ein Bindeglied zwischen Dadaismus und Surrealismus bilden die Collagen von Max Ernst, für die Breton 1921 anlässlich einer Ausstellung in der Pariser Galerie »Au sans pareil« ein begeistertes Vorwort schrieb. Zwischen 1921 und 1923 übertrug Ernst die Methode der Collage auf große Ölbilder, in denen er persönliche Mythologien in illusionistischer Weise darstellte. Vorbildlich wurden auch die neuen Techniken der Frottage und Grattage, die Ernst seinen Bildern als »unbewusste« Struktur zugrunde legte. Ähnliche automatistische Techniken erfanden auch Masson und Joan Miró: Dem Zufallsprinzip des »automatischen Schreibens« vergleichbar, verrieben sie Farbschlieren in den Bildgrund, träufelten Farbspuren aufs Bild oder erzeugten mit Sand und Erde Strukturen, die dann als Grundlage der weiteren Gestaltung dienen konnten. 1935 zeigte Oscar Domínguez ein »Décalcomanie« genanntes Abklatschverfahren. Im gleichen Jahr experimentierte Wolfgang Paalen mit der »Fumage«, der »Rußmalerei« mittels einer Kerzenflamme.
 
Neben diesen Techniken des Automatismus bestand als zweite wichtige surrealistische Variante ein veristischer Stil. Gegenstände oder Formen gab er im perspektivischen Raum genau und scharf umrissen wieder, zeigte diese aber in Kombinationen, die einer Traumwelt entsprungen scheinen. So stellte Yves Tanguy in der 1927 eröffneten »Galérie surréaliste« in Paris Traumlandschaften aus, die mit irrealen Objekten und Gestalten in gespenstischer Atmosphäre angefüllt sind. Zu einem der Hauptvertreter dieser Richtung avancierte Salvador Dalí. Mit extrem illusionistischen Mitteln, perfekten handwerklichen Techniken und täuschenden perspektivischen Tricks gab Dalí Beispiele seiner »paranoisch-kritischen Methode« zum Besten, altmeisterlich gemalte Schilderungen seiner sexuell obsessiven Fantasie.
 
Nach der offiziellen Gründung der Surrealistengruppe, die von 1924 an in unterschiedlicher Zusammensetzung bestand, weitete sich die Bewegung schnell über ganz Europa aus: 1926 zum Beispiel wurde eine belgische Gruppe ins Leben gerufen, aus der vor allem René Magritte mit seinen Bildern disparater, aber eigentümlich aufgeladener Dingwelten herausragte. Künstlerische und politische Differenzen, die sich etwa an der Haltung dem Kommunismus gegenüber entzündeten, führten jedoch bald zu Auseinandersetzungen zwischen den Surrealisten. Mit seinem zweiten Manifest versuchte Breton 1930, die Zielsetzung neu zu fixieren, Ausschlüsse früherer Weggefährten und spektakuläre Neueintritte spalteten die Gruppe aber letztlich. Zumindest geriet nun Dalí als neues Mitglied in den Mittelpunkt der surrealistischen Bewegung und bestimmte für einige Jahre mit seinen Bildern, Objekten, Gedichten und skurrilen Auftritten die Richtung des Surrealismus.
 
In den Dreißigerjahren traten etliche Maler aus verschiedenen Ländern der Gruppe bei, ohne dass der Surrealismus die ursprüngliche Begeisterungskraft und Innovationsfähigkeit wieder erreicht hätte. 1934/35 kamen aus Deutschland Hans Bellmer und Richard Oelze nach Paris, aus Wien Wolfgang Paalen. Der aus Rumänien stammende Victor Brauner malte in einem eklektischen surrealistischen Stil bis in die Vierzigerjahre. Meret Oppenheim schuf in diesen Jahren ihre besten Objekte. Kurt Seligmann, Matta und Wilfredo Lam folgten einem sehr persönlichen Stil, der sich der Bretons Doktrin nicht unterwarf. Der von De Chirico und Magritte beeinflusste belgische Maler Paul Delvaux gehörte nie offiziell der surrealistischen Gruppe an, auch wenn er ihre Kunstauffassung teilte. In einer neuen bedeutenden Bildserie, die sich um Loplop, den »Obersten der Vögel«, ein Alter-Ego-Motiv, dreht, wandelte Max Ernst viele Techniken und Motive seiner frühen Bilder noch einmal einfallsreich um.
 
Die große Stunde der surrealistischen Bewegung schlug paradoxerweise, als viele Surrealisten vor Faschismus und Krieg aus Europa flohen. Im amerikanischen Exil schlugen sie ein neues Kapitel im Buch der Kunstgeschichte auf: Aus dem in den USA entwickelten abstrakten Expressionsimus gingen dann in Europa Informel und Tachismus hervor. Matta, Masson und vor allem Arshile Gorky zeigten durch ihre neuartigen Techniken und biomorphen Abstraktionen die neue Richtung der Malerei, der bald eine ganze Generation von Künstlern folgen sollte. Breton und seinen Freunden gelang es trotz beharrlicher Versuche nicht mehr, an die großen Erfolge von vor dem Krieg anzuknüpfen: Die gesellschaftliche Unbotmäßigkeit des Surrealismus, sein Geist der Revolte gegen alles in Tradition Erstarrte, sein Beharren auf Subjektivität und Fantasie waren bereits in alle Strömungen der modernen Kunst und Literatur eingeflossen.
 
Dr. Hajo Düchting
 
 
Dokumente zum Verständnis der modenen Malerei, herausgegeben von Walter Hess. Bearbeitet von Dieter Rahn. Neuausgabe Reinbek 1995.
 
Kunst des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Ingo F. Walther. 2 Bände. Köln u. a. 1998.
 Thomas, Karin: Bis heute. Stilgeschichte der bildenden Kunst im 20. Jahrhundert. Köln 101998.

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Surrealismus — Sur|re|a|lịs|mus 〈a. [zyr ] m.; ; unz.; seit Anfang des 20. Jh.〉 Strömung in Kunst u. Literatur, die das Fantastische, das Unbewusste u. Traumhafte u. seine Verschmelzung mit der Wirklichkeit darzustellen sucht [<frz. sur „über“ + Realismus]… …   Universal-Lexikon